Full text: Brief von Bernd Niquet an Kurt Rothschild

Dr. Bernd N i q u e t 
Düsseldorfer Str. 36 
Tel: 885 43 37 
D-10707 BERLIN 
Dr. Bernd N i q u e t, Düsseldorfer Str. 36, 10707 BERLIN 
Herrn 
Prof. Dr. Kurt W. Rothschild 
Döblinger Hauptstr. 77a 
A-1190 Wien 
Österreich 
Berlin, den 5.1.97 
Sehr geehrter Herr Professor Rothschild, 
ich danke Ihnen sehr herzlich, daß Sie sich so viel Zeit genommen und Mühe gemacht haben, 
meinen Euro-Band zu lesen und derart ausführlich zu kommentieren. Neben der Tatsache, daß 
heutzutage überhaupt kaum noch jemand die Zeit findet, die wissenschaftlichen Gedanken 
anderer zu kommentieren, hat es mich natürlich doppelt stolz gemacht, aus so berufenem 
Munde gelobt zu werden. 
Als ich Ihrem Brief Anfang dieses Jahres nach meinem Urlaub vorfand, habe ich mich in den 
Lesesaal der FU begeben und noch einmal in Ihrer "Einführung in die 
Ungleichgewichtstheorie" sowie Ihren Beitrag in der Riese-Festschrift gelesen. Und sofort 
finde ich mich zwischen zwei völlig diametral entgegengesetzten methodischen Extremen 
wieder: Auf der einen Seite Ihr relativ offenes, eklfktisches, realitätsbezogenes und 
anwendungsorientiertes Erklärungssystem und auf der anderen die apodiktische Strenge von 
Rieses Gedankensystem, in dem ich wissenschaftlich groß geworden bin. 
Kurioserweise bilden diese beiden Punkte auch den Spannungsbogen, der mich durch mein 
ganzes Studium, die Assistentenzeit und besonders während der Promotion begleitet hat. 
Denn eigentlich fühl(t)e ich mich Ihrer Ansicht sehr nahe, daß makroökonomische Theorien 
immer nur als Bausteine für die Erklärung von Teilen der Wirklichkeit Relevanz haben. 
Zudem war ich mit der Gleichgewichtstheorie stets unzufrieden, da es für mich, der ich bereits 
vor dem Studium an der Börse gearbeitet hatte, immer uneinsichtig war, wie man die 
heterogene Wirklichkeit in ein derart enges und vor allem zeitloses Korsett zwängen konnte. 
Und so habe ich dann auch versucht, basierend auf dynamischeren Ansätzen, wie sie 
insbesonders von der postkeynesianischen und neo-österreichischen Schule vertreten wird, 
(Davidson, Minsky, Lachmann ...) auf Alternativen zu kommen. Aber letztlich mußte ich 
mich geschlagen geben, weil ich selbst gedanklich nie an der Logik der folgenden Punkte von 
Riese vorbeigekommen bin: 
1. Ein Ungleichgewicht ist logisch immer mit einem Gleichgewicht in der Vorstellung 
verbunden. Jede Ungleichgewichtstheorie bleibt damit stets der Gleichgewichtstheorie 
ausgeliefert.
	        

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