Full text: Theoretische Grundlagen des Marxismus

202 
. 
Je produktiver die Arbeit, um so grofser ist das 
Mehrprodukt — derjenige Teil des Produktionsertrags, 
welcher nach der Deckung alles dessen, was fur den weiteren 
Fortgang der Produktion notig ist (also des notwendigen 
Unterkalts der an der Produktion tatigen Arbeiter und der 
Wiederherstellung der verbrauchten Produktionsmittel), v 
iibrigbleibt. Das Mehrprodnkt teilt sich unter verschiedenen 
Ges ells chaftsklas sen. Jede Klasse ist bestrebt, sich einen 
moglichst grofsen Teil des ges ellschaftlichen Produktes anzu- 
eignen. Nur der Kampf kann die Grofse des Anteils jeder 
Klasse bestimmen. Die Quote der Kapitalisten ist um so 
grofser, je machtiger sie gegenliber der Arbeiterklasse mid * 
anderen Klassen erscheinen. 
Wie oben (im sechsten Kapitel) nachgewiesen, gibt es 
keine feste Regel fur die Grofse des Arbeitslohns, dessen 
unterste Grenze die ftir die bare Existenz des Arbeiters un- 
entbehrlichen Unterhaltsmittel bilden, dessen oberste Grenze 
aber durch den gesamten Arbeitsertrag (nach Abzug der 
verbrauchten Produktionsmittel) bezeichnet wird. Zwischen 
diesen beiden Extremen oszilliert der Arbeitslohn, und 
da die okonomische und soziale Macht der Kapitalisten- 
klasse weit iiberwiegt, so stellt er sich faktisch uberall viel 
naher der ersten als der zweiten Grenze. Zwar gehen die 
Lohne mit der Entwicklung der Arbeitsproduktivitat in die 
Hohe, doch ist es wahrscheinlich, dafs bei der kapitalisti- 
schen Wirtschaftsweise der Arbeitslohn einen ziemlich 
niedrigen Stand nie libers chreiten wird, da der Monopol- 
besitz der Existenz- und Produktionsmittel die soziale Uber- 
macht der Kapitalistenklasse fest begriindet. 
Aus dem oben Gesagten folgt, dais die Profitrate 
sich mit dem Arbeitslohn ebensogut parallel wie in um- 
gekehrter Richtung bewegen kann. Es sind folgende Kombi- 
nationen des Arbeitslohns (seinem Werte nach) und der 
Profitrate moglich: hoher Arbeitslohn und niedrige Profit- 
rate, hoher Arbeitslohn und hohe Profitrate, niedriger 
Arbeitslohn und hohe Profitrate, niedriger Arbeitslohn und 
niedrige Profitrate. 
203 
Auf Grand des Ausgefuhrten ist es unschwer, das 
Richtige undEalsche in beiden rivalisierenden Profittheorien 
— der Produktivitat- und Marxschen Mehrwerttheorie — 
festzustellen. Beide besitzen einen Kern von Wakrheit, aber 
sind in ihrer Einseitigkeit • falsch. Was die erste Theorie 
betrifft, so ist es ganz richtig, dafs es eine andere Quelle 
der Steigerung des Profites gibt, als Herabsetzung des 
Arbeitslohns — namlich die Erhohung der Arbeitsproduk 
tivitat durch Einfuhrung verbesserter Produktionsmittel und 
Methoden. Der technische Eortschritt, die Ersetzung der 
Handarbeit durch Maschinenarbeit erzeugt, wie wir im 
vorigen Kapitel gesehen haben, eine steigende Tendenz 
der Profitrate, was mit der Zunahme des Arbeitslohns 
(nicht nur des Reallohns, sondem auch des Geldlohns) 
Hand in Hand gehen kann. 
Das Iirefuhrende der Produktivitatstheorie besteht zu- 
nachst darin, dafs sie im Kapital einen dritten selbstandigen 
Faktor neben der Arbeit und Natur erblickt. Nun ist das 
Kapital „ein Zwischenprodukt von Natur und Arbeit, weiter 
nichts. Seine eigene Entstehung, sein Dasein, sein Weiter- 
wirken sind nichts als Etappen im ununterbrochenen Wirken 
der wahren Elemente, Natur und Arbeit. Sie und sie allein 
leisten von Anfang bis zu Ende alles ftir die Entstehmig 
der Genufsgiiter“ x . Die Natur aber bildet, wie oben nach 
gewiesen, kein Element der absoluten Kosten. Als solches 
gilt nur die menschliche Arbeit. Das gibt uns das Recht, 
das ganzo gesellschaftliche Produkt als das Produkt der 
gesellscliaftLichen Arbeit zu betrachten 2 . 
1 Bdhra-Bawerk, Positive Theorie des Kapitals, S. 102. 
9 »Bodeti Oder Natur und Kapital sind keineswegs der Arbeit als Pro- 
duktionsfaktoren koordiniert, sondem ihr durch aus untergeordnet. Die 
Arbeit ist eben der aileinige aktive Faktor der Produktion, die Natur liefert 
nur Stoffe fur die Betiitigung der Arbeit, oder ursprunglich freie Krafte, 
deren Yenvertung nur durch Arbeit mdglich ist. Das Kapital in seiner 
objektiven Ei*scheinung als Bestand an schon produzierten Hilfsmitteln der 
Produktion kann iiberhaupt kein primarer Faktor der Produktion sein, da 
es eben selbst schon Produkt ist tt Lexis 5 Aufsatz „Produktion u im „Hand- 
worterbuch der Staatswissenschaften. u Erste Auflage, Bd. V, S. 284.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.