Full text: Theoretische Grundlagen des Marxismus

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Wir sehen also, dafs die gesellschaftliche oder all- 
gemeine Profitrate verscliiedeii ausfallt, je nachdem sie nach 
den Geldpreisen der Waren, oder nach. ihren Arbeitswerten 
gerechnet wird. Welche von diesen beiden Profitraten hat 
aber reale Geltung? Offenkundig die nach den Geldpreisen 
gerechnete, da Profitbildung tatsachlich anf der Grundlage 
der Warenpreise sich gestaltet. Es ist also bewiesen, dafs 
auch in betreff des gesamten gesellschaftlichen Profits und 
der allgemeinen Profitrate dem Mehrwert nicht grofsere 
Geltung zukommt, als in bezug auf die Profite und Profit 
raten einzelner Kapitalisten in einzelnen Produktionszweigen. 
Die allgemeine Profitrate mfifste eine ganz andere sein, als 
sie wirklich ist, ware sie durch den Mehrwert bestimmt. Das 
ist natfirlich, da die relativen Geldpreise des variablen Kapitals, 
konstanten Kapitals, Profits, mit deren relativen Arbeitswerten 
wegen der Yerschieclenheit der Zusammensetzung des Kapitals 
in respektiven Abteilungen der gesellschaftlichen Produktion 
nicht zusammenfalien. Die Behauptung von Marx, dafs „die 
Abweichungen von (Arbeits-)Wert, die in den Produktions- 
preisen der Waren stecken, sich gegeneinander aufheben u , 
geht also darin irre, dafs so etwas nur in bezug auf' das 
Ganze des gesellschaftlichen Produktes gilt, nicht aber in 
bezug auf seine Einteilungen in gesellschaftliches Kapital und 
Profit, wodurch die Hohe der gesellschaftlichen Profitrate 
festgestellt wil’d. 
m. 
Es ist auf diese Weise. bewiesen, dafs die allgemeine 
Profitrate mit dem Verhaltnis des Mehrwerts zum gesell 
schaftlichen Kapital nicht ' fibereinstimmt. Es bleibt zu 
untersuchen, welchen Einfiufs auf die allgemeine Profitrate 
die Yeranderungen in der Zusammensetzung des gesell 
schaftlichen' Kapitals ausfiben. Der einzelne Kapitalist, wie 
Marx richtig bemerkt, glaubt, dafs die Ersetzung.lebendiger 
Arbeit in seinem Betrieb durch Maschinen seinen Profit 
nicht verringert, sondern erhoht', und' erblickt darin den 
Beweis, dafs „die lebendige Arbeit keine ausschliefsliche 
Quelle des Profits ist“. Nun habe aber die Mehrwerttheorie 
gerade an diesem Punkte ihren glanzendsten Sieg zu feiem. 
Es sei ihr namentlich gelungen, von ihren Pramissen aus- 
gehend, das hochst wichtige Entwicklungsgesetz der kapi- 
talistischen Wirtschaft zu entdecken — das Gesetz des 
tendenziellen Fallens der Profitrate, welches Marx als „das 
Mysterium, um dessen Losung sich die ganze politische 
Okonomie seit Adam Smith dreht lu , bezeichnet. 
Das Gesetz selbst ist hochst einfach und scheint mit 
logischer Notwendigkeit aus der absoluten Arbeitswerttheorie 
zu folgen. Der Profit wird ja nur durch das variable 
Kapital erzeugt. Steigt aber das gesellschaftliche konstante 
Kapital infolge der Anwendung der zusatzlichen Produktions- 
mittel schneller, als das gesellschaftliche variable Kapital, 
so mufs bei anderen gleichbleibenden Bedingungen die all 
gemeine Profitrate. sinken, da die Masse des gesamten 
gesellschaftlichen Kapitals, durch welche man die Profit- 
masse dividieren mufs, um die Profitrate zu bekommen, 
der Yoraussetzung gemafs rascher wachst als die Profitmasse 
(deren Grofse nur durch den variablen Teil des Kapitals 
bedingt wird). 
Dieses relativ raschere Tempo des Anwachsens des in 
Produktionsmitteln angelegten Kapitals betrachtet Marx mit 
vollem Recht als das Grundgesetz der kapitalistischen Ent- 
wicklung. Die Tendenz zum Fallen der Profitrate sei also 
ebenfalls mit dieser Entwicklung aufs engste verknfipft. 
Das Gesetz der fallenden Profitrate scheint, wie gesagt, 
eine logisehe Folge der absoluten Arbeitswerttheorie zu sein. 
Nun ist das ein trfigerischer Schein: das Gesetz der fallenden 
Profitrate folgt aus der absoluten Arbeitswerttheorie nicht. 
Ich glaube das in meiner Schrift „Studien zur Theorie 
und Geschichte der Handelskrisen in England“ schon be 
wiesen zu haben. An dieser Stelle werde ich die Frage von 
einer alnderen Seite betrachten und zugleich das richtige 
Gesetz der Bewegung der Profitrate festzustellen versuchen. 
1 Das Kapital, IIH, S. 193.
	        

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